Der Wintergarten - Glasarchitektur im Neubau

Im Unterschied zu den Gegebenheiten bei einem Altbau oder auf dem Dach bietet sich bei einem Neubau von vornherein die Integration von überglasten Räumen und eines Wintergartens an. Hier lässt sich sein Standort in jeder Hinsicht optimieren. Form, Größe und Funktion, aber vor allem seine Lage zur Sonne und die Möglichkeit, mit der Lichtführung zu gestalten, stehen zu Beginn im Mittelpunkt des Entwurfs. Aber bereits in dieser Phase, in der es noch euphorisch um die Erfüllung aller Wünsche geht, entscheidet der Bauherr eigentlich, ob der Wintergarten zu einem Energiespender oder geradezu zu seinem Gegenteil, einem Energieverschwender, wird.

Wintergarten Neubau

Wintergarten im Neubau

Es muss dem Bauherrn klar sein, dass ein Wintergarten mit ganzjähriger Wohnraumqualität, das heißt mit einer entsprechend komfortablen Heizungsanlage, immer ein Energieverschwender sein muss. Denn das Wärmedämmvermögen eines vollverglasten Wintergartens macht selbst bei optimaler Verglasung mit Wärmeschutzglas gegenüber einer gut gedämmten Außenwand nur 50% aus. Im Extremfall, bei sehr guter Dämmung des angrenzenden Kernhauses, sogar noch weniger: 20%. Diese energetisch negative Situation lässt sich aber teilweise durch den Energiegewinn aus dem Glashaus ausgleichen.

Soll ein Wintergarten also ein Energiespender sein, müssen seine Größe, die Ausrichtung zur Sonne sowie die Wahl der Ausbildung von Speicherflächen konsequent aufeinander abgestimmt werden. Und es darf nach Möglichkeit keine zusätzliche Energie im Wintergarten verbraucht werden (Zusatzheizung). Ganz entscheidend tragen die Benutzer selbst dazu bei, wie die Energiebilanz ihres Glashauses aussehen wird: Nutzen sie es an den Tagen, an denen der Wintergarten wärmetechnisch ohnehin autark ist, das heißt, wenn die Sonneneinstrahlung eine Innenraumtemperatur von mindestens 20 Grad bewirkt und so einen klimatisch angenehmen Aufenthalt zulässt, verursacht er keine zusätzlichen Energiekosten. Erst wenn darüber hinaus die überschüssige Wärme gespeichert und zeitversetzt dem Kernhaus gezielt zugeführt werden kann (Fenster, Türen, Ventilatoren oder auch komplett geregelte Lüftungssysteme), fällt die Energiebilanz positiv aus, wird der Sonnenraum zum Energiespender. Doch selbst bei einem hohen Energiegewinn bleibt jeder Wintergarten eine teure Energiequelle: jede andere Heizung ist - rein rechnerisch - preisgünstiger.

Die Frage des Energiebeitrages, den ein Glashaus leisten kann, sollte nur ein gleichrangiger Aspekt neben den beiden anderen sein, dem Erscheinungsbild der Architektur nach außen und der Raumqualität nach innen.

Die Glasarchitektur wird zum Spiegelbild des Wohn- und Lebensbewusstseins. Ihre Entwurfssprache kann sichtbares Zeichen bewusst ökologischer Lebensführung, aber auch Symbol rational technischer Vorlieben sein. Zwischen diesen beiden Architekturansprüchen liegt eine Fülle von Lösungen, die sich der facettenreichen Glasarchitektur bedienen, um ganz einfach die Wohnqualität zu akzentuieren und zu steigern. Vor allem aber sollte der Wintergarten immer als ein ganz besonderer Raum konzipiert werden, denn nur dann, im Gegensatz zu den "normalen" Wohnräumen, bietet er sein unverwechselbares Raumerlebnis. So, wie damals vor gut hundert Jahren die Wintergärten den Wohnsalon oder die Bibliothek bereichert haben müssen: Sie waren Fluchtpunkt aus dem Alltag. Ort der Versenkung und Zeichen inszenierter Wohnkultur.

Alle diese Qualitäten kann auch der Wintergarten von heute bieten, aber nur dann, wenn er als Solitär verstanden oder das ganze Haus von der Wintergartenidee bestimmt wird. Die Architektur der Neubauten zeigt, welche Erwartungen der Wintergarten in seiner Funktionsvielfalt geweckt hat. In vielen Entwürfen bestimmt der Sonnenraum den Grundriss, wird der Wintergarten das eigentliche Zentrum des Hauses, manchmal bekrönt durch eine weithin sichtbare Glaspyramide oder zeichenhaft akzentuiert durch große Glasraupen am First. Gläserne, Licht durchflutete Wohngalerien, die häufig die Begeisterung für die Glastechnologie signalisieren, machen den Wunsch zum offenen Wohnen sichtbar, sind aber auch Ausdruck, sehnsuchtsvoll in Harmonie mit der Natur leben zu wollen.

Noch zu wenige Neubauten zeigen aber den Mut, den Wintergarten als Architekturelement wirklich ernst zu nehmen. Und dies sowohl in der Gestaltung als auch in der Einrichtung. Viel zu oft wird er als modischer Appendix an den konventionell geplanten Bau angesetzt und - ganz falsch verstanden - auch herkömmlich möbliert. Viel reizvoller ist es doch, wenn auch ungleich mühevoller, wenn am Ende der Planung die wirklich individuelle Wintergartenarchitektur steht, die die Lust am Bauen und naturverbundene Wohnkultur beispielhaft vorlebt.


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Eingestellt: 23.06. 2008
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