Wein und Gewohnheiten
Wie viele Dinge im Leben gibt es auch beim Weingeschmack zwei Seiten: Einerseits verändert er sich behäbig und wird geprägt von Gewohnheiten, Tradition und Erziehung. Andererseits aber ist der Geschmack leicht beeinflussbar, unstet und wankelmütig. Dies trifft besonders auf Deutschland zu, denn hier waren Bier und Weißwein viele Jahre lang auf der Beliebtheitsskala ganz oben. Franzosen oder Italiener dagegen haben stets den einheimischen Rotwein mit seinen vielen Varianten bevorzugt.
Während der deutsche Wein über lange Jahre hinweg lieblich und süffig, oft sogar süß und klebrig sein durfte, folgte dieser Phase eine genau gegensätzliche. Manche Produzenten meinten, nun sei staub- und knochentrockener Wein angesagt.

Dabei wurde die Riesling-Traube ebenso wie der Pinot Noir vernachlässigt, da der Trend zum Bordeaux ging. Der Chablis-Ära gegen Ende der siebziger Jahre folgte die Pinot-Grigio-Ära, währenddessen weder Grauer Burgunder noch Ruländer gefragt waren. Mit überwältigendem Erfolg etablierte sich daran anschließend der Chardonnay.
Noch ist nicht sicher, welche Traubensorte demnächst mit ähnlich großem Erfolg vermarktet werden wird. Obwohl der amerikanische Wein-Experte R. Parker der deutschen Pinot Noir-Traube den Geschmack und den deutschen Winzern die Kompetenz abspricht, so scheint diese Ansicht nicht allgemein geteilt zu werden. Vieles deutet darauf hin, dass diese Sorte selbst so eigenwillige wie Nero d'Avola und Mourvèdre überholen wird, ganz zu schweigen von Merlot und Cabernet Sauvignon.
Bei den Weißweinen kommt nun der Riesling wieder in Mode - Sauvignon Blanc und der extravagante Viognier verlieren an Bedeutung. Somit stimmen die Voraussagen zur Entwicklung der Weinproduktion nicht mehr, denn er unterliegt dem Geschmack - und der hat ja bekanntlich zwei Gesichter.
Leider ist es oft so, dass Weine mit kräftigen Aromen beim Verkosten erheblich besser beurteilt werden als feinere und leichtere Sorten, obwohl gerade ihr Aroma elegant und vielfältig ist, wobei Alkohol und Säure im Normbereich bleiben. Diese übersättigten Weine halten nicht, was sie versprechen und unterstreichen nicht ein gutes Essen, sondern erdrücken mit ihrem starken Eigengeschmack, so dass man bald schon beim zweiten Glas genug vom Wein hat.
Bei der Wein-Elite verhält es sich anders - geringere Herstellmengen und stark steigende Auslandsnachfrage aus Asien und Osteuropa lassen die Preise der derzeitigen Spitzenweine stark ansteigen, so dass Interessenten ohne Beziehungen diese künftig werden erhalten noch bezahlen können. Dieser Umstand wird dafür sorgen, dass hervorragende Weine wieder stärker gefördert werden, da sie sich durch ihre Identität, ihren Charakter und Stil auszeichnen und somit deutlich vom Massenprodukt abheben. Hier ist wieder Qualität und handwerkliches Know-how gefragt. Unvermeidlich ist dabei, dass dies auch seinen Preis hat - kleine Produktionsmengen, Handarbeit, Steilhanglage und Witterungsabhängigkeit sowie Pflege und Reife im Barrique. Gemessen an den internationalen Weinen, die für wenig Geld erhältlich sind, mag manchem der Preis hoch erscheinen - doch er erhält dafür einen Wein, der sein Aroma keinen Eichenholzchips verdankt, die (legal natürlich) bereits bei der Gärung zugegeben wurden.
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